Gedanken zum Tag

24.11.2020 (Di)

Typisch! Schuld sind immer die Anderen!

Dazu eine kleine Anekdote:
Eine ältere Frau kauft sich im Schnellrestaurant eine Suppe. Sie trägt den dampfenden Teller an einen der Stehtische und hängt ihre Handtasche darunter. Dann geht sie noch einmal zur Theke, um einen Löffel zu holen.

Als sie zurückkehrt, sieht sie am Tisch einen dunkelhaarigen Mann, der ihre Suppe löffelt. „Typisch Ausländer, was fällt dem ein?!“, denkt die Frau empört. Sie drängt sich neben ihn, sieht ihn wütend an und taucht ihren Löffel ebenfalls in die Suppe. Sie sprechen kein Wort, aber nach dem Essen holt der Mann für sie beide Kaffee und verabschiedet sich dann höflich. Erstaunt bedankt sich die Frau mit einem Lächeln.
Als sie ebenfalls gehen will, hängt ihre Handtasche nicht mehr am Haken unterm Tisch. Also doch ein hinterhältiger Betrüger! Das hätte man sich doch gleich denken können! Mit rotem Gesicht schaut sie sich um. Er ist verschwunden. Aber am Nachbartisch sieht sie ihre Handtasche. Und einen Teller Suppe, inzwischen kalt geworden.

Diese Geschichte bringt uns zum Schmunzeln. Die Frau kommt überhaupt nicht auf die naheliegende Idee, dass sie sich selbst getäuscht hat. So sehr ist sie in ihre Vorurteile Ausländern gegenüber verstrickt. Der fremde Mann zeigt ein ungewöhnliches Verhalten, da er nicht abweisend, sondern wohlwollend reagiert. Statt sich über ihre Dreistigkeit zu ärgern, lädt er sie auch noch zu einem Kaffee ein. Vielleicht ist Gastfreundschaft und Respekt älteren Menschen gegenüber in seiner Kultur noch selbstverständlich.
Die Geschichte erinnert uns auch an die Bibelstelle Mt 7,3: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Ob sich die Frau wohl am Ende eingesteht, dass sie sich dem Fremden gegenüber völlig unpassend verhalten hat und ihn fälschlich verdächtigt hat, weil sie sich im Tisch geirrt hat?
Aber seien wir mal ehrlich, seine Schuld einzugestehen – sich selbst, aber auch Anderen gegenüber – ist offensichtlich unheimlich schwer.

Willst du klug durch`s Leben wandern,
prüfe Andere, doch auch dich!
Jeder täuscht gar gern den Andern,
doch am liebsten jeder sich.
(Friedrich von Bodenstedt, deutscher Schriftsteller)

 

Ute Matzke-Disse und Dorthe Dechant

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