Gedanken zum Tag

23.05.2020 (Sa)

Brückentag

Gestern war Brückentag. Mal wieder. Zwischen Feiertag und Wochenende, ein irgendwie ungeklärter Übergang. Alltag, aber nicht ganz.

Brücken sind besondere Wegstellen. Von unserem Balkon hat man einen guten Blick auf die Höxteraner Weserbrücke. Es ist spannend, die Menschen dort zu beobachten. Viele Spaziergänger und Radfahrer bleiben auf der Brücke stehen. Es werden Fotos geschossen. Manche stehen stundenlang am Geländer und schauen in die Ferne: Auf die Stadt am anderen Ufer. Auf den Fluss, der beide Seiten der Brücke voneinander trennt.
Andere haben es scheinbar auf der Brücke besonders eilig. Ein großer Teil der Auto- und Motorradfahrer scheint ein starkes Bedürfnis zu haben, so schnell wie möglich diese Brücke zu überwinden, das rettende andere Ufer zu erreichen.
Brücken verbinden, was lange getrennt war. Brücken stehen für unendliche Ferne und neue Nähe. Brücken sind auch oft ein Nadelöhr für den Verkehr, Symbol dafür, wie fragil unsere Verbindungen zueinander sind: Ist eine Brücke nicht passierbar lässt sich das nur schwer ausgleichen.
Brückentage sind auch die Feiertage dieser Zeit. Am Donnerstag war Himmelfahrt: Ein Tag, der den Übergang markiert zwischen Himmel und Erde. Jesus Christus, der gerade noch mitten unter seine Jüngern weilte, sichtbar, spürbar, nahbar, ist plötzlich nicht mehr da – jedenfalls nicht mehr exklusiv bei ihnen. Nun ist er ganz anders präsent. Wir können ihn nicht mehr sehen und nicht mehr anfassen, aber spüren. Er ist bei uns, alle Tage, bis an der Welt Ende.

Nächste Woche dann Pfingsten: Der Heilige Geist schlägt eine Brücke, markiert den Übergang zwischen einer kleinen Gruppe von Anhängern Jesu, die ihn persönlich gekannt hatten und einer weltweiten Kirche, die vom Glauben an Christus, den Auferstandenen, getragen wird.
Brückentage. Auf eigenartige Weise scheint momentan so eine Art Brückenzeit zu sein. Irgendwo dazwischen. Zwischen #wirbleibenzuhause und Normalität. Zwischen unaufhaltsamem Wachstum und Rezession. Zwischen der Zeit vor Corona und danach.
Brückenzeit. Brücken sind besondere Wegstellen. Es ist eine Strategie, sie so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Weil Übergänge manchmal schmerzhaft sind. Aber so eine Brücke bietet auch ganz besondere Perspektiven. Beim Blick zurück, auf das, wo wir herkommen. Beim Blick nach unten, auf die Zäsur, den reißenden Fluss der Veränderung. Und beim Blick nach vorne: Wo wollen wir hin? Warum wollen wir da hin? Wer sich auf der Brücke Zeit nimmt, gewinnt oft wunderschöne Perspektiven auf das andere Ufer. Und es lohnt sich, diese mit hinüber zu nehmen, in die neue Zeit.

Ihr Pfarrer Tim Wendorff

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