Andachten zum Monatsspruch
März 2026
„Echte Männer weinen nicht.“ Mein Opa hatte noch echte Schwierigkeiten damit, wenn einer seiner Enkelsöhne in Tränen ausbrach. Da war ich gestürzt, die Knie bluteten, ein bisschen trösten war okay, aber wenn die Tränen nicht versiegen wollten, dann kam manchmal so ein Spruch, der zeigte, wie Jungs in seinen Augen zu sein hatten: Hart im Nehmen, robust – Gefühle wie Trauer, Schmerz, Verzweiflung passten da nicht hinein. Als Kind – und nicht nur als Kleinkind – habe ich oft schnell geweint, und obwohl mein Opa sich viel Mühe gegeben hat, liebevoll mit uns zu sein hat ihn das offenbar manchmal überfordert.
Das Johannesevangelium erzählt, wie auch Jesus zornig wird, als er sieht, wie gestandene Männer in Tränen ausbrechen. Maria und Marta haben ihren Bruder verloren, Lazarus. Sie und ihr ganzes Umfeld weinen um ihn. Verzweifelt fällt Maria ihm zu Füßen und erzählt davon. Jesus sieht ihre Tränen, sieht die Tränen der Umstehenden – und wird erstmal zornig (Johannes 11,33).
Ich muss diese Stelle zweimal lesen. Gehört Jesus etwa auch zu der „Echte Männer weinen nicht“-Fraktion? Oder wie lässt sich sein Ärger erklären? Ärgert Jesus sich, dass er nicht früher da war, um Lazarus zu heilen? Ärgert er sich über den Kleinglauben der Umstehenden, die um einen Freund trauern, dessen Leiden nun beendet ist und der doch sicher einen Platz im Himmel hat? Oder ist Jesu Zorn selbst eine Trauerreaktion, normaler Teil jenes Schreckens, mit dem Jesus konfrontiert ist, als er so unvermittelt vom Tod seines Freundes erfährt?
Zornig fragt er: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Da fordern sie ihn auf, mitzukommen und den Toten anzusehen – und in dem Moment, erzählt Johannes, bricht Jesus selbst in Tränen aus. „Da weinte Jesus.“
Auf einmal wird es konkret. Auf einmal ist der Tod nicht nur eine abstrakte Botschaft, sondern real. Lazarus lebt nicht mehr. Und Jesus zeigt echte Gefühle. Ihn selbst überkommt die Trauer.
Ein seltener Moment, von dem Johannes da erzählt. Und so unvermittelt, wie er kommt, ist er schon wieder vorbei. Denn kaum beginnen die Umstehenden zu reden und einzuordnen und laut über Jesu Verhältnis zu Lazarus und seine besonderen Fähigkeiten nachzudenken, da übernimmt wieder der Ärger das Zepter der Gefühle. Jesu Stimme wird wieder fest, seine Anweisungen klar und schließlich weckt er Lazarus sogar wieder auf: ein Ostermoment noch bevor die Passion Jesu so richtig beginnt.
Aber davor ist dieser Moment. Dieser Moment, der nicht richtig passt in das Bild des Gottessohnes, der über dem Kleinglauben der einfachen Menschen steht. Dieser Moment, wo Jesus ganz Mensch ist. Verletzlich. Emotional. Gesteuert von echten Gefühlen. Da weinte Jesus. Sogar er, obwohl keiner wie er weiß, dass der Tod nicht das Ende bedeutet.
Meinen Opa habe ich, glaube ich, nie weinen sehen. Aber ich bin mir sicher, dass es auch in seinem Leben Momente gab, in denen ihm die Tränen überliefen. Und bestimmt hätte es ihm auch später manchmal gut getan, wenn er sich erlaubt hätte, zu weinen. Ich weiß, wovon ich spreche. Nachdem ich in der Grundschule oft als Heulsuse galt, habe ich mir als Jugendlicher das Weinen abtrainiert – und erst viele Jahre später habe ich diese Fähigkeit wiedergefunden. Dieses Ventil für Gefühle. Und ich weiß manchmal gar nicht, wie ich es früher geschafft habe nicht zu platzen, ohne diese Möglichkeit.
„Da weinte Jesus.“ Die Lutherbibel übersetzt diesen Vers mit „Jesus gingen die Augen über.“
Wir sind mitten in der Passionszeit. Leiden und Sterben Jesu stehen im Zentrum der Verkündigung dieser Tage. Und damit die menschliche Seite Jesu. Zugegeben: Gefühle gehören auch zu seiner göttlichen Seite. Auch der Schöpfer zeigt immer wieder Mitgefühl, manchmal Wut oder Reue und ganz oft Liebe. Aber echte Menschen weinen nunmal. Weil sie auch Schmerz und Angst kennen und all diese Gefühle nicht mit sich selbst ausmanchen können, sondern ein Ventil brauchen, das sie nach draußen bringt.
Echte Menschen weinen. Manchmal bricht es aus ihnen heraus. Wie aus Jesus, der mir in dieser Szene besonders nah kommt.
Kommen Sie gut durch diese Tage, mitten in der Passionszeit. Der Monatsspruch passt übrigens auch ganz wunderbar zum Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche: „Mit Gefühl – Sieben Wochen ohne Härte“. Schade, dass mein Opa sie nicht mehr miterlebt.
Ihr Pfarrer Tim Wendorff